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Forschungsprojekt

Teilprojekte:


Projektbeschreibung

1. Bezeichnung des Vorhabens

Das Fremde im Eigenen: Interkultureller Austausch und kollektive Identitäten in den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er und 1970er Jahre am Beispiel der USA und der Bundesrepublik Deutschland

2. Zusammenfassung

"Amerika ist nicht das andere, fremde, sondern das eigene."

Die Protestbewegungen der 1960er Jahre werden zunehmend als globales Phänomen betrachtet. Sie stellen gleichsam das erste Aufscheinen der soziokulturellen Variante eines allgemeinen Globalisierungsprozesses dar, auf dessen wirtschaftlichen, technologischen und politischen Vormarsch sie folgen und reagieren. Auch für den gesellschaftlichen und kulturellen Bereich gilt, dass Globalisierung Berührung, Verflechtung und Aneignung voraussetzt. Diese Prozesse sind im deutsch-amerikanischen Verhältnis bisher vor allem für die 1950er Jahre untersucht und unter den Rubriken "Amerikanisierung" oder "Westernisierung" abgehandelt worden. Das vorgeschlagene Forschungsprojekt will diese Diskussion in zeitlicher wie methodischer Hinsicht verbreitern. Erstens soll es die Erforschung des Transfers von Ideen, Lebensstilen und kulturellen Praktiken zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland in die 1960er und 1970er Jahre hinein verlängern und für diese Periode auf eine gesicherte empirische Grundlage stellen. Zweitens werden von dieser Grundlage ausgehend die Auswirkungen dieser Transferprozesse auf die Konstruktion kollektiver Identitäten schärfer in den Blick genommen. Drittens soll das bisher vor allem außerhalb der Geschichtswissenschaft diskutierte Konzept der Interkulturalität in die Debatte um Amerikanisierung/Westernisierung eingeführt werden. Viertens schließlich öffnet eine dermaßen erweiterte Perspektive in zweifacher Hinsicht den Blick auf eine spezifisch historische Dimension von Interkulturalität: Zum einen können historische Tatbestände und zeitgenössische Ereignisse als "Texte" verstanden werden, die auf sozial und kulturell jeweils differente Erfahrungsräume treffen; zum anderen erweisen sich diese Erfahrungsräume selbst als geschichtlich geprägt, was bedeutsame Auswirkungen auf die Rezeption fremder Kulturgüter sowie deren Umwertung und schließliche Verwertung im Prozess der eigenen Identitätsbildung hat.

Das hier skizzierte Programm erfordert den Rückgriff auf Methoden verschiedener Disziplinen. Für die empirische Datenerhebung ist die Erschließung, Sichtung und kritische Analyse historischer Quellen unerlässlich. Bei der Untersuchung transkultureller Prozesse im Umfeld der internationalen Jugendrevolte der 1960er Jahre bietet sich der Rückgriff auf Interpretamente der sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung an, insbesondere insofern sie sich mit der transnationalen Diffusion von Deutungsmustern befasst hat. Zur Beantwortung der Frage nach dem Einfluss interkultureller Transferprozesse auf die Aus- und Umbildung kollektiver Identitäten schließlich wird es notwendig sein, anthropologische und diskursgeschichtliche Methoden heranzuziehen.

Der Austausch von Deutungsmustern und Lebensstilen zwischen den USA und der Bundesrepublik, die Anverwandlung und Umwertung von Diskursen und kulturellen Praktiken des jeweils anderen Landes während der 1960er und 1970er Jahre sowie ihre Relevanz für Prozesse der Identitätsbildung sollen im Rahmen des vorgeschlagenen Forschungsprojekts anhand mehrerer Fallstudien untersucht werden. Erstens soll die deutsche Diskussion um das amerikanische Engagement in Vietnam daraufhin beleuchtet werden, inwieweit sie sich auf kollektive Erfahrungen bezog, die im eigenen nationalen Rahmen anschlussfähig waren. Es geht also nicht um den militärischen Krieg der Amerikaner in Vietnam, sondern um den semiotischen Krieg der Deutschen um Vietnam als Chiffre bundesdeutscher Selbstverständigung, mithin um die Einverleibung des (fremden) amerikanischen Krieges in den (eigenen) deutschen Traditionszusammenhang zum Zwecke der Identitätsbildung. Eine zweite Fallstudie wird die Zwillingsorganisationen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und der Students for a Democratic Society als Träger interkulturellen Austausches analysieren. Ein drittes Teilprojekt soll verfolgen, inwieweit der Austausch politischer Utopien und Protestformen neue Konzepte von Öffentlichkeit und privater Lebenswelt hervorbrachte, welche ihrerseits die Grenzziehungen zwischen Eigenem und Fremdem verschoben. Eine vierte Studie soll die Verflechtungen zwischen amerikanischer und deutscher Frauenbewegung erstmals systematisch und mit Blick auf die Herausbildung eines feministischen Selbstverständnisses herausarbeiten.

3. Ausführliche Darstellung des Projekts

3.1. Fragestellung, Zielsetzung, Forschungsstand

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist von einer beispiellosen internationalen Verflechtung gekennzeichnet, die mit einem stetig wachsenden Austausch von ideellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Mustern einherging, für den schließlich gegen Ende des Jahrhunderts die Rede von der Globalisierung ubiquitär wurde. Eine besondere Dichte erreichten diese Transferprozesse bereits sehr früh im Verhältnis zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland, was vor allem auf die außergewöhnlichen Bedingungen von Besatzung und Wiederaufbau, von sicherheitspolitischer Abhängigkeit und wirtschaftspolitischem Gleichschritt im Rahmen des Kalten Krieges zurückzuführen ist. Mehr noch als auf jedes andere Land des sogenannten Freien Westens ist daher auf die Bundesrepublik das Schlagwort von der Amerikanisierung angewandt worden. Der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch assoziiert damit oft pejorativ die kritiklose Nachahmung amerikanischer Vorbilder und den Verlust nationaler und kultureller Identität. Als Chiffre für einen universalen Trend hin zu Modernisierung, Technisierung und Trivialisierung hat der Amerikadiskurs in Deutschland eine lange Geschichte, in der neben Kulturpessimismus immer auch ein Element der Faszination spürbar war. Demgegenüber hat die neuere historische und kulturwissenschaftliche Forschung das Zerrbild einer zielgerichteten "Kolonisierung" durch den amerikanischen "Kulturimperialismus" ebenso aufgegeben wie die Vorstellung von Amerikanisierung als einseitiger Übernahme amerikanischer Modelle. Der "interkulturelle Transfer", so der breite Konsens, bezeichnet stets einen komplexen, wechselseitigen Prozess selektiver Aneignung und kreativer Integration in die eigenen kulturellen Muster und Traditionen. Zudem lässt sich die Adaption spezifisch amerikanischer Einflüsse nicht säuberlich von allgemeinen Modernisierungstrends unterscheiden. Das gängige Klischee, dass sich die bundesrepublikanische Gesellschaft nach dem Verlust der nationalen Einheit und Identität vorbehaltlos der Amerikanisierung geöffnet habe, wird im Lichte dieser Betrachtungen zunehmend fraglich. Eine neue Bestandsaufnahme unterstreicht eher die Prägekraft längerfristiger nationaler Traditionen. Gerade weil der Begriff der Amerikanisierung die Vorstellung einer Einbahnstraße, wenn nicht gar eine Art kulturelle Kolonisierung impliziert, ist alternativ die Rede von der Westernisierung oder Verwestlichung eingeführt worden. Diese geht von der allmählichen Herausbildung einer gemeinsamen westlichen Werteordnung seit dem 19. Jahrhundert aus, wird aber deshalb im wissenschaftlichen Sprachgebrauch zumeist auf das politische System und vor allem auf die politische Kultur bezogen, wobei Lebensstile und kulturelle Praktiken in der Regel ausgeblendet bleiben. Es scheint daher geboten, den Ansatz entsprechend zu erweitern. Darüber hinaus würde ein stärkerer Fokus auf die Interkulturalität als solche, d.h. auf den Zusammenhang statt auf die Trennung zwischen Eigenem und Fremdem sowie auf die Modi der Verstrickung und Überlappung statt auf das Muster Vorbild-Nachahmung, einer gewissen teleologischen Tendenz des Westernisierungs-Konzepts entgegenwirken. Damit könnte das bisher vor allem von Ethnologie, Kommunikationswissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie diskutierte Konzept der Interkulturalität als hermeneutische Analysekategorie auch für die Geschichtswissenschaft verstärkt fruchtbar gemacht werden.Während Untersuchungen zum Komplex der Amerikanisierung oder Westernisierung sich bislang vor allem auf die 1950er Jahre konzentrierten, ist für die 1960er Jahre bereits verschiedentlich auf die globale Dimension der damaligen Jugendrevolte hingewiesen worden. Transnationale Prozesse sind in diesem Zusammenhang vor allem von Soziologie und Politikwissenschaft im Rahmen der Erforschung sozialer Bewegungen untersucht worden. Sie haben dazu den physikalischen Begriff der Diffusion auf soziale Zusammenhänge übertragen, um den internationalen Austausch von Ideen, Lebensstilen und kulturellen Praktiken zu erklären. Vereinzelt ist auch die gegenseitige Beeinflussung der deutschen und amerikanischen Jugend- und Protestbewegung thematisiert worden, ohne allerdings systematisch analysiert zu werden. Zudem ist häufig übersehen worden, dass bestehende kulturelle Traditionen als Filter und vorgeformtes Auffangbecken fungieren, welche die Durchlässigkeit für Neues und Fremdes ebenso bestimmen wie den Modus der Verflechtung und die schließliche Gestalt und Bedeutung des resultierenden Amalgams. Denn dass im Ergebnis solcher Prozesse immer eine Verbindung von Altem und Neuem, Eigenem und Fremdem entsteht, darf getrost vorausgesetzt werden. Es ist hingegen bislang erst ansatzweise und nur bruchstückhaft untersucht worden, auf welche Weise kulturelle Elemente übermittelt, empfangen und umgeformt werden und welche Auswirkungen diese Transfer- und Anverwandlungsprozesse auf die Aus- und Umbildung kollektiver Identitäten haben. Das vorgeschlagene Forschungsprojekt will diesen Prozessen am Beispiel der deutschen und amerikanischen kulturrevolutionären Bewegungen der "langen 1960er Jahre", die in den 1950er Jahren wurzelten und in die 1970er Jahre hineinragten, nachgehen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang historische Traditionen, deren bedeutsame Rolle für die Rezeption, Aneignung und Umwertung fremder Kulturelemente von der Forschung bisher nicht gebührend berücksichtigt wurde. Das vorgeschlagene Forschungsprojekt soll ein erster Schritt sein, zur Überwindung dieses Defizits anzuregen, indem es in die Diskussionen um Interkulturalität im allgemeinen und um den transkulturellen Aufbruch der 1960er Jahre im besonderen eine historische Dimension einzieht.

3.2. Methode

Methodisch ordnet sich das geplante Forschungsprojekt einer modernen Auffassung von Internationaler Geschichte zu , die in mehrfacher Hinsicht innovativ ist. Erstens verharrt sie nicht in der Fixierung auf staatliche Akteure, sondern nimmt gesellschaftliche Gruppen als Subjekte internationaler Prozesse in den Blick. Zweitens beschränkt sie sich darüber hinaus nicht mehr auf die Ebene des Nationalstaates, sondern widmet sich transnationalen Phänomenen. Drittens befasst sie sich mit dem Transfer von materiellen, institutionellen und ideellen Kulturgütern, von Lebensstilen und kulturellen Praktiken zwischen verschiedenen Kulturkreisen und mit den jeweiligen Auswirkungen die diese Transfers auf Deutungsmuster, Mentalitäten und Identitäten haben. Viertens schließlich öffnen diese Perspektiven die Teildisziplin der Internationalen Beziehungen nicht allein für kulturgeschichtliche Fragestellungen, sondern auch für die Fragestellungen und Methoden anderer Disziplinen, etwa der Anthropologie, der Ethnologie, Soziologie und Wissenssoziologie oder der Literaturwissenschaft.Der interdisziplinäre Ansatz des Forschungsvorhabens schließt somit eine enge methodische Beschränkung von vorneherein aus. Er erfordert vielmehr die Anwendung und Rezeption von Methoden und Erkenntnissen aus verschiedenen Teildisziplinen der Geschichts- und Sozialwissenschaften: Dazu gehören die Geschichte und Theorie der internationalen Beziehungen, die Mentalitätsgeschichte, die Analyse von Perzeptionen und Images sowie die Fragestellungen und Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung. Die Frage nach den argumentativen Zusammenhängen, in die fremde Kulturelemente importiert wurden, sowie nach den Verschiebungen die ein solcher Transfer innerhalb gewachsener Bedeutungsfelder auslöste, legen zudem die Anwendung diskursgeschichtlicher Methoden nahe. Schließlich wird - neben der für die historische Forschung zentralen Erschließung und Sichtung archivalischer Quellen - der Oral History bei dem beantragten Vorhaben eine wichtige Bedeutung für die Freilegung kultureller Aneignungsprozesse zukommen.


3.3. Teilprojekte (Arbeitsbereiche)

Die detaillierte Analyse des interkulturellen Austauschs zwischen der Bundesrepublik und den USA im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er und 1970er Jahre soll anhand von vier Teilprojekten erfolgen, die zum einen an der Universität Heidelberg, zum anderen an der Rutgers University in New Brunswick, N.J., angesiedelt sein werden:

 

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Letzte Aktualisierung: 04.05.2005 10:45